23 APR

2019

Themen , Aktien , Onkologie , Rudi Van den Eynde

Krebs und Alterung: Die Umkehr des Unwiderruflichen?

Bessere Ernährung, eine gesündere Lebensweise und wirksamere Medikamente haben überall auf der Welt die Lebenserwartung steigen lassen. Seit 1950 ist sie weltweit im Durchschnitt um fast 25 gestiegen. [1]

Die Lebenserwartung bei der Geburt ist in den reicheren Ländern am höchsten. Wer heute in einem Industrieland zur Welt kommt, kann damit rechnen, über 80 Jahre alt zu werden. [2]

Während Krankheiten, die wie die Pocken in früheren Jahrhunderten noch tödlich waren, durch Impfungen ausgemerzt wurden, gibt es den Krebs noch immer. In vielen Ländern, einschließlich Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Australien ist er heute die häufigste Todesursache.
Der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung steigt aufgrund von positiven Trends. Aber genau diese Altersgruppe erkrankt am häufigsten an Krebs. Mit der Lebenserwartung ist auch die Zahl der Krebspatienten gestiegen, von 15% der Bevölkerung im Jahr 1960 auf heute 25%.

Bei 40-Jährigen ist das Krebsrisiko doppelt so hoch und bei 50-Jährigen mehr als vier Mal so hoch wie bei 30-Jährigen. 70-Jährige erhalten fünf Mal so häufig eine Krebsdiagnose wie Menschen mit 30 [3]. Die Experten sind sich einig, dass die Zahl der Krebserkrankungen in den nächsten Jahren erheblich steigen wird, vor allem wegen der wachsenden und immer älteren Weltbevölkerung. Fast 40% der Menschen werden möglicherweise irgendwann in ihrem Leben an Krebs erkranken. [4]

Wie kommt das? Es gibt über hundert verschiedene Arten von Krebs und grundsätzlich drei Ursachen für bösartige Tumore: genetische Veranlagung, Infektion und sporadische Tumorbildung. Allen gemein ist der Prozess: Zelluläre Kontrollmechanismen versagen, sodass der Körper die mutierten Zellen nicht schnell genug zerstören kann. Je älter wir werden, desto schlechter können wir unsere DNA „reparieren“: Wenn die Zahl der mutierten Zellen steigt, nimmt die genetische Instabilität zu – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sich Krebs bildet. Fast drei Viertel der genetischen Mutationsmuster sind auch im Alterungsprozess nachweisbar. [5]

Die Krebszellen selbst altern weniger schnell. Sie verlängern ihre Lebenszeit, indem sie rasch Telomere produzieren. Sie schützen unsere DNA vor Angriffen – so wie die Kappen von Schuhbänder verhindern, dass sich sie spalten. Alterung hingegen wird durch den Zerfall der Telomere ausgelöst. Normalerweise verlieren wir, wenn wir älter werden, bei jeder Zellteilung ein kleines Stück eines Telomers. Wenn dieser Schutz der DNA aufgezehrt ist, stirbt die Zelle. In Laborexperimenten haben Wissenschaftler gezeigt, dass die Stimulation der Telomerproduktion die Lebensdauer von Mäusen unterschiedlichen Alters um 20% erhöht. [6]

Eine wichtige Erkenntnis war, dass sich durch die Anti-Aging-Behandlung nicht immer Krebs gebildet hat. Deshalb besteht Hoffnung, dass wir trotz der Krebsgefahr länger leben können,
Zumal die in Laboren entwickelten Medikamente nicht die einzigen Mittel gegen Krebs sind. Zwar sind noch nicht alle Formen vollständig analysiert, aber Wissenschaftler schätzen, das 90% bis 95% aller Krebsauslöser modifizierbar sind. Wir können also etwas tun. Zu diesen Auslösern zählen Bewegungsmangel, Sonnenbäder, Adipositas und Umweltschäden [7]. Die Kampagne gegen das Rauchen, das noch immer für ein Viertel aller Krebsfälle verantwortlich ist, ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich das Leben verbessert, wenn man seine Gewohnheiten ändert. Nach Angaben der WHO ist fast ein Drittel aller Todesfälle nach Krebserkrankungen auf diese fünf gefährlichen Gewohnheiten und Ernährungsfehler zurückzuführen: „Nach heutigem Stand können 30% bis 50% aller Krebsarten durch eine bessere Vorsorge vermieden werden. Dazu gilt es, Risiken zu mindern und Präventivmaßnahmen zu treffen, die sich als wirksam erwiesen haben“, so die WHO.

Die Zahl der Krebserkrankungen mit Todesfolge ist stark zurückgegangen, in wohlhabenderen Ländern im Durchschnitt um 18% seit 1990. Dies ist vor allem eine Folge der gesünderen Lebensweise und von Maßnahmen staatlicher Gesundheitssysteme, beispielsweise des Nationalen Krebskontrollprogramms in Tschechien. Dennoch wird die Zahl der Krebserkrankungen aufgrund der längeren Lebenserwartung steigen. 2040 werden schätzungsweise 27,5 Millionen Menschen neu an Krebs erkranken. Das sind 60% mehr als 2018.

Hinzu kommt, dass der Lebensstandard in vielen Ländern steigt. Der Doppeltrend zu einer längeren Lebenserwartung und mehr Krebserkrankungen wird beispielsweise in Asien stärker ausgeprägt sein. Die Veränderung der Lebensweise, zu der auch eine erhöhte Kalorienaufnahme und weniger Bewegung zählen, hat allmählich Folgen.

Die Gesellschaft, und vor allem die Gesundheitssysteme, müssen sich auf den „Senioren-Tsunami“ vorbereiten, eine Welle älterer Menschen mit gesundheitlichen Besonderheiten. Einerseits versuchen Forschungslabore, neue Anti-Aging-Therapien zu entwickeln, etwa eine Veränderung der Funktion der Telomere. Andererseits werden die Onkologiestationen der Krankenhäuser zweifellos wachsen und mit ihnen die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen und der Umsatz mit medizinischen Geräten. In der medizinischen Ausbildung wird die Behandlung von Krebs einen größeren Raum einnehmen. Große Datenmengen (Big Data) ermöglichen bessere Analysen und Prognosen, und Smartphone-Apps werden einige Aufgaben in die Hände der Patienten legen.

Fazit

Die immer intensivere Arzneimittelforschung, die Förderung der wissenschaftlichen Forschung sowie dynamische Start-ups und Biotechnologieunternehmen helfen beim Kampf gegen den Krebs. Fortschritte in Wissenschaft und Technik sprechen für präzisere, individuellere und vor allem wirksamere Medikamente. Immer ausgefeiltere Therapiekombinationen geben Medizinern mehr Möglichkeiten an die Hand, die Überlebensraten zu verbessern, bis hin zur vollständigen Genesung von Patienten. Die besseren Prognosen durch den immer häufigeren Einsatz von Immun- und Gentherapien machen vielen Patienten Hoffnung. Auch künstliche Intelligenz und mehr Gesundheitsdaten bieten neue Perspektiven. Diese neuen Technologien werden die Erkennung, Behandlung und Kontrolle von Krebs revolutionieren. Zumindest werden sie ein sinnvolles Instrument für medizinische Entscheidungen sein. Am Ende verfolgen alle Initiativen ein gemeinsames Ziel, das wir bei CANDRIAM uneingeschränkt teilen: Sie leisten einen Beitrag zu einem gesünderen und längeren Leben.

WAS IST MIT DEN JUNGEN?

Krebs ist keine ausgesprochene Seniorenkrankheit. Nicht alle Krebsarten stehen im Zusammenhang mit dem Älterwerden. Beispielsweise ist seit Anfang der 1990er-Jahre die Zahl der Hirntumore und Leukämieerkrankungen in Großbritannien bei den unter 25-Jährigen am stärksten gestiegen. Die absoluten Zahlen sind im Vergleich zu den Erkrankungen älterer Menschen aber noch niedrig. Dennoch haben einige Krebsbehandlungen unangenehme Nebenwirkungen, die zwar alle Altersgruppen gleichermaßen betreffen, aber bei jüngeren Menschen früher eintreten und länger dauern. Nach einer Studie sind bei 20-Jährigen, die eine Krebserkrankung in ihrer Kindheit überlebt haben, insgesamt genauso häufig lebensbedrohende und tödliche Krankheiten festzustellen wie bei ihren über 50-jährigen Verwandten. [8]


[1] https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12889-018-5058-9
[2] Source OECD Health at a Glance 2017
[3] The Global Cancer Observatory (GCO) http://gco.iarc.fr/
[4] https://www.cancer.gov/about-cancer/understanding/statistics
[5] Alexandrov LB, Nik-Zainal S, Wedge DC, et al: Signatures of mutational processes in human cancer. Nature 500: 415-421, 2013.
[6] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3494070/
[7] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18626751
[8] Arora M , Sun C-L , Ness KK , et al . Physiologic frailty among hematopoietic cell transplantation (HCT) survivors suggests accelerated aging and is a predictor of premature mortality: a report from the Bone Marrow Transplant Survivor Study (BMTSS). Blood 2015;126:739.