23 NOV

2017

SRI , Themen , Wim Van Hyfte

Das nachhaltigste Geschäftsmodell für den Einzelhandel: Bricks und Clicks

Obwohl die Grenzen zwischen traditionellen Ladengeschäften und Onlinehandel verschwimmen, hält die Diskussion über die Zukunft des Einzelhandels an. Schon heute entfallen etwa 8,7 % der weltweiten Einzelhandelsumsätze auf den E-Commerce, und im Jahr 2020 dürften es bereits 15 % sein. Unterdessen haben die Online-Schwergewichte ihre Geschäftsmodelle eiligst als „grün“, nachhaltig und sozial verträglich bezeichnet.

Allerdings sind nachhaltige Einzelhandelskonzepte deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick scheinen. Bei Candriam halten wir den E-Commerce für eine „disruptive“ Innovation: Die Dematerialisierung – also der mit E-Commerce einhergehende Effizienzgewinn – dürfte maßgeblich dazu beitragen, dass sich saubere Energie durchsetzt. Das MIT Center for Transportation and Logistics[1] hat gezeigt, dass sich die Umweltfolgen von Online- und Offlinehandel anhand des CO2-Fußabdrucks durch Scope-1- und Scope-3-Emissionen vergleichen lassen.

Durch die Rationalisierung von Transport und Logistik bietet E-Commerce eine echte Chance, Umweltprobleme zu lösen. Möglich wird dies insbesondere durch Klimaschutzmaßnahmen, wie sie das nachhaltige UN-Entwicklungsziel 13 verlangt. Der offensichtlichste Umweltnutzen des Onlinehandels ist der geringere Energie- und Ressourcenverbrauch. Die Dematerialisierung des traditionellen Vertriebs verringert die Emissionen von Kraftfahrzeugen, die heute etwa zwei Drittel der Gesamtemissionen durch traditionelle Einkäufe ausmachen. Sicher, man kann einwenden, dass die Lieferung auch beim Onlinehandel Emissionen verursacht. Doch schätzt man, dass die Zustellung von Onlinekäufen durch Kuriere etwa 24 Mal so energieeffizient ist, als wenn die Kunden mit ihren eigenen Autos zum Einkaufen fahren. Außerdem brauchen die Unternehmen geringere Lagerbestände, verursachen weniger Abfall und benötigen weniger Energie für die Beleuchtung und Klimatisierung klassischer Ladengeschäfte.

In seiner Best-in-Class-Makroanalyse versieht Candriam reine Onlineaktien daher mit einem Bonus. Nehmen wir das Beispiel Online-Reisebüros: Sie fördern zwar einerseits indirekt den Massentourismus, der der Umwelt massiv schadet, so dass wir hier in der Kategorie Klimawandel eine sehr schlechte Note vergeben. Da es sich aber um Onlinefirmen handelt, profitieren sie andererseits von einem E-Commerce-Bonus, so dass die Gesamtpunktzahl besser ausfällt.

Dennoch: Weder das Online- noch das Offlinegeschäft ist CO2-frei. Beim Offlineeinzelhandel verursacht vor allem der Transport Emissionen (80 %), während beim Onlinehandel die Verpackung die wichtigste Emissionsquelle ist (65 %). Auch wenn der E-Commerce weniger CO2-intensiv ist als der klassische Einzelhandel, können viele Faktoren seiner Umweltfreundlichkeit schaden. Entscheidend ist, wie und wo die Kunden einkaufen, wie geliefert wird (Expresszustellung/Luftfracht) und ob Mehrfachzustellungen nötig sind, wie viele Waren zurückgegeben werden und wie oft eingekauft wird, ob Lieferungen gebündelt werden, man nicht recyclebare Verpackungen nutzt und wie viel Energie die großen Daten- und Logistikzentren benötigen. Die Mikroanalyse von Candriam berücksichtigt all diese endogenen Faktoren, die Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit und den zukünftigen Absatz haben.

Mit unserem SRI-Research wollen wir durch verantwortliche, langfristige Anlagestrategien zur Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen. „Bricks“ und „Clicks“ müssen keine Gegensätze sein.[2] Wir halten die Kombination aus klassischen Ladengeschäften und Onlinediensten für das nachhaltigste Geschäftsmodell. Es senkt tendenziell den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens und sorgt für zufriedenere Kunden. Beides sind wichtige Faktoren für unsere Nachhaltigkeitsanalyse.

Environmental benefits of E-commerce: reality or illusion?  (download the PDF – in English)

By Wim Van Hyfte, Ph.D, Global Head of Responsible Investments and Research, Arnaud Peythieu and Alexis Gouin SRI analysts.


[1] Weideli, D. und Cheikhrouhou, N.: Environmental Analysis of US Online Shopping.

[2] Agatz, N. A., Fleischmann, M. und Van Nunen, J. A. (2008): E-fulfillment and multi-channel distribution–A review, European journal of operational research, 187(2), S. 339-356.